Schreinerin, Innenarchitektin, Designerin Agnes Morguet – Frage & Antwort

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1) Agnes, du bist…

Schreinerin, Innenarchitektin & Designerin.

2) Du hast stets deine Ziele verfolgt und auch die Schule dafür vorzeitig abgebrochen. Warum?

Weil ich das große Glück hatte, schon als Kind darin bestärkt zu werden herauszufinden was ich wirklich will. Mein Bauch und mein Kopf arbeiten schon immer wunderbar zusammen. Und wenn ich fühle was ich will und dass es zu diesem Zeitpunkt genau das Richtige ist, ziehe ich die Konsequenzen daraus und gehe den Schritt. 

Warum sollte ich also– wenn ich doch mit jeder Faser spüre dass ich arbeiten und ein Handwerk lernen und danach evtl. noch an einer Fachhochschule studieren will (für die man in der Kombi mit einer handwerklichen Lehre nur 12 Jahre /Fachabi benötigt)– ein Jahr in der Schule absitzen nur um Abitur zu machen? Weil man das so macht? Weil Abitur ja so etwas tolles ist?… Nein, die Zeit habe ich besser investiert.

3) Warum hast du dich zunächst für eine Schreinerlehre entschieden

Weil ich schon als Kind immer gerne mit meinen Händen gearbeitet habe und mich das Schreinerhandwerk besonders fasziniert hat. Ich liebe die Natur, die Bäume, Holz….es ist immer noch oft ein Wunder für mich was wir mit unseren Händen aus Holz schaffen können. Es ist so vielseitig und warm. Und ich habe gespürt, dass ich unbedingt erstmal ein Handwerk lernen möchte und nicht nur von der einen Theorie in die nächste Theorie rutschen möchte. Das Gefühl abends zu sehen und anzufassen was man geschafft hat, ist ein riesen Geschenk und hinterlässt unvergleichliche Spuren.

4) Auf was für Hindernisse bist du dort gestoßen?

Ich weiß noch wie ich beim Arbeitsamt saß und mir eine Liste mit allen Schreinereien im Rheinkreis Neuss ausgehändigt wurde die Lehrlinge suchten. Ich habe mich dann bei einigen beworben, habe aber schnell festgestellt, dass die Motivation/Bereitschaft ein junges Mädchen einzustellen eher beschränkt war. Und ich hatte auch relativ hohe Ansprüche an das Handwerk. Ich wollte keine Bauschreinerin werden oder Standardmöbel herstellen sondern Möbel bauen und das Handwerk von Grund auf lernen. Unterm Strich war es das beste was mir passieren konnte– denn dadurch bin ich auf die Berufsfachschule für Holzbildhauerei und Schreinerei in Berchtesgaden/Bayern aufmerksam geworden. Dort habe ich drei Jahre keine Spanplatte gesehen, das Handwerk im Detail gelernt, Schulfächer wie Möbeldesign, Freihandzeichen, Aktzeichenkurse, Schnitzkurse, Grafikdesign etc. genossen– und das alles an einem Ort in dem andere Urlaub machen. Besser geht´s nicht! Bis heute zehre ich von dieser Zeit und blicke gerne zurück. 

5) Wie kam der Wechsel zur Innenarchitektin & Designerin?

Eigentlich sehe ich das nicht direkt als Wechsel sondern eher als Erweiterung. Ich habe mir schon während der Lehre Gedanken darüber gemacht wie es danach weitergehen könnte. Meister…eigene Werkstatt…Architektur….Innenarchitektur…Design….ich habe mich neben dem Schreinerhandwerk auch so sehr für das „große Ganze“ interessiert…die verschiedenen Gewerke…der Entstehungsprozess…etc.

Ich habe mich dann für das Innenarchitekturstudium in Trier entschieden da das Studium hier relativ „Architekturlastig“ war und ich trotzdem auch im Produktdesign

Kurse belegen konnte. Auch die Nähe zu den Kommunikationsdesignern habe ich in vielen Kursen genutzt. So konnte ich im Studium in den verschiedensten Bereichen viel lernen und das alles zu einem großen „Kreativpaket“ schnüren. 

6) Wie waren dort die beruflichen Anfänge?

Nach zwei Jahren Festanstellung im Büro dreiform in Köln habe ich mich selbständig gemacht. Ich hatte immer schon im Gefühl dass ich mit 30 Jahren gerne mein eigenes „Lädchen“ hätte. Es war kein Zwang, nur ein Gefühl. Und dann kam eins zum anderen und passend zu meinem Geburtstag habe ich mein Büro in der Zeughausstraße in Köln eingeweiht. Ich habe einen Kredit aufgenommen, meine Stehleuchte Joujou produzieren lassen und habe immer mehr Projekte umgesetzt. 

Im zweiten Jahr der Selbständigkeit hatte ich ein Projekt in dem es ganz am Ende zu ziemlichen Problemen kam. Ich habe mir zu lange eingeredet, dass am Ende schon alles gut wird – der Kunde hat mich einfach richtig „abgezockt“– um bei mir zu sparen und sich an anderer Stelle mehr leisten zu können. Ich musste hier zum ersten Mal einen Anwalt hinzuziehen. Den Job von dem Anwalt habe ich allerdings zum Großteil gemacht- er hat eigentlich nur die von mir verfassten Anschreiben unterschrieben und zum Teil minimal ergänzt und viel zu schnell klein beigegeben. Am Ende des Tages habe ich nur ein Fünftel des eigentlich noch offenen Honorars erhalten und diesen Betrag musste ich dem Anwalt zahlen. Tja- was macht man da? Ich habe mich wie ein Maulwurf zu Hause vergraben. Die Jalousien am hellichten Tage unten gelassen…geweint und gegrübelt…gegoogelt wo man Privatinsolvenz anmelden kann. 

Und dann habe ich beschlossen dass es eigentlich überhaupt nicht war sein kann, dass ich mein Büro wegen nur einem einzigen Menschen aufgebe. Mich selber aufgebe.

Auch mein Mann (damals noch Freund ) hat mir immer wieder Mut gemacht und mir gesagt dass ich das schaffe.

Also bin ich losgezogen an den nächsten Kiosk, habe mir sämtliche Wirtschaftsmagazine gekauft die dort zu haben waren und habe diese in einem Rutsch durchgelesen.

So viele Artikel handelten von Unternehmen die schon mehrmals kurz vor der Insolvenz standen oder sogar insolvent waren. Dann wurden neue Ideen entwickelt, weiter gemacht. Irgendwann hat es dann bei mir auch „Klick“ gemacht und mir wurde klar dass ein ganz wichtiger Bestandteil des Unternehmertums ist: WEITER MACHEN. 

Ich habe weiter gemacht und seitdem nie wieder so ein problematisches Projekt gehabt.

7) Was hast du aus dieser Erfahrung lernen können?

Ich bin ehrlich gesagt regelrecht dankbar dass mir das damals genau so passiert ist. Denn ich habe daraus so viel gelernt. Das fängt bei meinem Vertragswesen an. Ich mache seit dem keine Gesamtverträge mehr sondern arbeite immer in drei Phasen. So können beide Seiten Phase für Phase schauen ob es passt und ob man weiter zusammen arbeiten möchte. Und ich kenne und setze meine Grenzen. Dieses: „Ach komm, das wird schon…mach mal erstmal weiter..“ gibt es nicht mehr. Wenn ich merke es hakt irgendwo wird das offen angesprochen und nicht umgangen. Und ich denke dass dadurch, das ich so klar und ehrlich mit den Kunden und auch mit mir selber umgehe einfach viel weniger komplizierte Situationen entstehen.

8) Du bist der Ansicht, man sollte in der Gesellschaft Fehler machen dürfen. Wann entstand dieser Gedanke und wann hast du dies selber umgesetzt?

Dieser Gedanke entstand bei mir nicht aktiv, ich bin einfach so aufgewachsen. Es ist doch völlig klar dass wenn man aktiv sein Leben lebt, Dinge ausprobiert und neu lernt, offen und neugierig durch die Welt geht, man auch Fehler macht… 

Fehler gehören für mich zum Leben wie essen und trinken. Man sollte nur versuchen ein und denselben Fehler möglichst nicht zu wiederholen : ) 

Mir passieren jetzt auch manchmal Fehler– aber wenn man sich dessen bewusst ist und es als Teil des Schaffens ansieht, ist man auch in der Lage extrem schnell zu reagieren und Fehler zu beheben. Was nützt es uns wenn man sich selber oder andere für Fehler fertig macht? Garnichts. Es verschwendet Zeit und Energie. Mit der gleichen Energie könnte man diesen auch einfach korrigieren.

9) “Sterben ist wie leben- nur andersherum”- Wie darf man diese Aussage von dir verstehen?

Dieser Spruch ist mir als Kind eingefallen. Ich hatte schon immer einen positiven Zugang zum Tod. Ich glaube weil wir auch als Kinder schon bei Beerdigungen dabei waren und wir auch über den Tod gesprochen haben und gespürt haben, dass er ein Teil des Lebens ist. Ich hatte einfach nie das Gefühl dass der Tod das absolute Ende von etwas ist. Ich sehe das Leben und den Tod eher als eine Art Kreislauf. Wenn also mit dem Leben etwas aufgeht und einen Halbkreis zieht, führt das Gehen mit dem Tod den Kreis weiter nur andersherum. 

10) In welcher Hinsicht bringt dir dein Beruf künstlerische Erfüllung? 

Die künstlerische Erfüllung bringt mir mein Beruf vor allem weil ich in meinem eigenen Büro die verschiedensten Projektarten vereine. Innenarchitektur (Büroplanung / Privatprojekte / Arztpraxen etc.), Produktdesign, Handwerk, Kunst, Grafikdesign und dann kann ich in der Mittagspause im Büro auch noch Klavier spielen….

11) Was ist deine Definition von Erfolg?

Das zu tun was einen mit Freude und Zufriedenheit erfüllt und davon auch noch leben zu können. Auch schwierige Momente zu überstehen, den Mut nicht zu verlieren und andere mit seiner Passion anzustecken. 

12) Und von Glück?

Mit sich selbst und seinem Umfeld im Einklang zu leben. Zu lieben. Zu lachen. Zu leben was das Zeug hält. 

13) Was hättest du rückblickend im Leben anders gemacht?

Nichts.

14) Wie hast du dir als Kind dein berufliches Leben als Erwachsene vorgestellt und was davon hat sich verwirklicht?

Ich hatte schon früh den Drang dazu mal eine eigene Firma aufzubauen. Egal was wir als Kinder gemacht haben- ich wollte daraus immer eine Firma gründen. Das fing mit der Bonbonfabrik (als Familienunternehmen mit meinem Bruder mit dem ich damals Karamellbonbons selber gemacht habe) an. Zwischenzeitlich wollte ich allerdings auch mal Therapeutin, evangelische Pfarrerin, Musicaldarstellerin, Schaupielerin, Maskenbildnerin und Schreinerin werden. Das Interessante ist, dass sich viele Dinge die der Grund für diese Berufswünsche waren (Interesse an Menschen / Empathie / Gestaltung / Unterhaltung/ Handwerk) in meinem Berufsleben vereint haben. 

15) Kann man deiner Meinung nach Kreativität lernen?

Ich denke dass man Kreativität aus verschiedenen Perspektiven betrachten kann. Wenn es um die künstlerische Kreativität geht, glaube ich schon dass es dahingehend auch gewisse angeborene Talente gibt die sich unterschiedlich stark entwickeln können. Eine große Rolle spielt hier auch die Förderung in der Kindheit. Ich denke aber, dass die Alltags-Kreativität definitiv erlernbar ist. Hier geht es darum Strukturen aufzubrechen, neu zu denken. Flexibel zu sein, erfinderisch, furchtlos, neugierig, fröhlich. All das kann zu kreativen Lösungen und Ideen führen. 

16) Die groben Unterschiede von deinen Tätigkeiten als Schreinerin, Designerin und Innenarchitektin?

Als Designerin entwerfe ich Produkte. 

Als Schreinerin baue ich sie. 

Und als Innenarchitektin setze ich sie in einen räumlichen Kontext.

17) Wofür schlägt dein Herz am meisten?

Für das Handwerk. Ich bin einfach am allerglücklichsten wenn ich meine Ideen in der Werkstatt umsetze…experimentiere…dreckig werde und abends das Ergebnis des Tages sehe. Das Gefühl ist einfach unbeschreiblich.

18) Was hast du dir als allererstes designt/gebaut?

Das waren zwei wirklich schöne Nachttischchen für einen Architekten aus meinem Heimatort. Sie waren in einer geschwungenen Form aus Kirschbaumholz gebaut mit einem herausdrehbaren Kästchen. Leider habe ich davon nie schöne Fotos gemacht

19) Du überprüfst in regelmäßigen Abständen deinen derzeitigen Stand im Leben und hinterfragst dich selbst. Wie genau sieht das aus und warum machst du das?

Meistens gehe ich einfach einen Tag alleine auf die Museumsinsel Hombroich oder irgendwo anders in die Natur. Ich nehme mir Skizzenbuch und Stift mit und nehme mir einfach Zeit alleine zu sein. Ich denke dann erst mal darüber nach was ich gerade eigentlich so mache, was mich beschäftigt. Eine Art Momentaufnahme meines Lebens. Dazu mache ich mir Notizen, Mindmaps, schreibe Gedichte und mache Skizzen. Dabei merkt man einfach sehr gut ob sich alles richtig anfühlt oder ob es etwas gibt was man verändern möchte. Ich finde es einfach sehr wichtig nicht immer weiter zu machen nur weil es läuft, sondern immer wieder auch zu überprüfen ob das womit man sein Leben verbringt immer noch zu einem passt, das Richtige ist. 

20) Du schreibst Gedichte? Hast du spontan ein kleines Gedicht für uns?

Das Leben ist so oder so.

Von unten, von oben, von der Seite–

es ist und bleibt Dein Leben.

Quäle Dich nicht mit der Frage warum,

sondern widme Dich stets der Antwort,

nur so wird es Dir etwas geben.

21) Dein Rat an alle, die den Weg in die Designerwelt einschlagen wollen?

Möglichst selten mit anderen vergleichen. Es gibt immer Menschen die vieles besser können als Du und viele die vieles schlechter machen als Du. Aber diese Menschen bestimmen nicht Deinen Wert. Nutze die Energie lieber immer das Beste aus Dir herauszuholen und gut zu anderen Menschen zu sein.

Wenn Du Ideen hast, von denen Du mit Kopf und Herz zu 100% überzeugt bist, halte an ihnen fest. Sei hartnäckig, mutig und voller Freude.

22) Zum Schluss die drei Leitsätze von Drei-Blick: Wie siehst du dich?

Als positiver, offener Mensch der gerne im Austausch mit anderen Menschen steht, manchmal aber auch Zeit für sich alleine braucht.

23) Wie sehen dich andere?

Als positiver, offener Mensch der gerne im Austausch mit anderen Menschen steht und seinen Weg geht. 

24) Wie möchtest du gesehen werden?

So wie ich bin.

25) Dein Lieblingsbuch?

„Komm, ich erzähl Dir eine Geschichte“ (Jorge Bucay)

Durch einfache Geschichten werden hier große Themen des Lebens so klar, witzig, traurig, nachdenklich und eindrücklich beschrieben. Ohne viel blabla, einfach auf den Punkt gebracht.

„Der kleine Lord“ (Frances Hodgson Burnett)

Dieses Buch lese ich regelmäßig. Ich habe daraus für mich das „kleine-Lord-Prinzip“ entwickelt. Glaube an das Gute im Menschen, schenke Ihnen Liebe und begegne Ihnen ohne Vorurteile–dann haben sie auch die Möglichkeit sich positiv zu verändern.

26) Dein Lieblingszitat

Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende. (Oscar Wilde)

27) Dein Schlusssatz

Ich danke Dir sehr für Dein Interesse und dass ich Teil Deines Podcasts sein darf. Ich bin gespannt auf alles was da noch kommt

Kontakt:

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Schreinerlehre

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